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✛ Österreich Lebensnahe Sprache ist wichtig Die Bibelgesellschaft stellt für die Seelsorge in den Justizanstalten kostenlose Bibeln zur Verfügung. Stefan Haider hat den evangelischen Gefängnisseelsorger Markus Fellinger, der zehn Justizanstalten in Niederösterreich betreut, getroff en und zu seinen Erfahrungen befragt. Herr Fellinger, wie kann man sich Ihre Tätigkeit ganz konkret vorstellen? In meinem Leben gibt es quasi keine Woche, die ist wie die andere. Ich mache meine Gespräche in den Haft räumen. Damit bin ich in einer Gastrolle, das gibt dem Anderen auch Würde, er lädt mich ein. Der Hauptteil meiner Arbeit besteht auch tatsächlich in den Besuchen und zwar in verschiedenen Örtlichkeiten. Die Leute arbeiten ja in Betrieben. Ganz viele Gespräche passieren zwischen Tür und Angel. Ich betreue hauptsächlich Krems- Stein – das ist das große Hochsicherheitsgefängnis in Österreich, mit verschiedenen Formen des Strafvollzuges, auch für Schwerverbrecher und „Lebenslängliche“. Dann bin ich in Göllersdorf, im Frauengefängnis in der Schwarzau und in zwei landesgerichtlichen Gefängnissen. Dabei fahre ich natürlich viele Kilometer. Ich bin vor Ort auch immer der einzige evangelische Seelsorger und damit natürlich ein Exot und oft nur schwer einzuordnen. 10 | die Bibel aktuell „Ich bin wahnsinnig froh, dass es die Bibelgesellschaft gibt, da ich meine Bibeln von dort bekomme – in unterschiedlichen Sprachen und in einer Kommen die Menschen von selbst auf Sie zu? Ich schaue mir an, wer neu ist und ob es jemanden gibt, der evangelisch ist. Das ist der einzige Punkt, wo dies wirklich Relevanz hat, weil ich da einen offi ziellen Auft rag habe. Dann gibt es die Gottesdienste, die gar nicht schlecht besucht sind. Nach dem Gottesdienst ergeben sich Gespräche und Kontakte. Da ist auch schon von Insassen öft ers der Vorschlag gekommen, eine Bibelgruppe zu machen. Ich bin wahnsinnig froh, dass es die Bibelgesellschaft gibt, da ich meine Bibeln von dort bekomme – in unterschiedlichen Sprachen und in einer lebensnahen Übersetzung. Denn die Meisten lesen die Bibel wirklich zum ersten Mal. Ich empfehle ihnen daher die Psalmen und das Lukasevangelium. Lukas hat dieses Gerechtigkeitsthema und einen sehr starken sozialen Fokus, genauso wie einen Heilungsfokus. Das sind textlich wahnsinnig schöne Geschichten, diese Gleichnisse sind unvergleichlich. Ich glaube, dass das Schuldig-Sein für die Menschen der kränkendste Faktor ist. Er gehört einfach zur Biographie und ist ein Makel. Es ist ein Festgelegt-Sein auf eine Tat, oder mehrere. Wie sehr entwickelt sich dann Interesse an der Bibel selbst? Wenn ich jemandem länger zugehört habe, dann fällt mir immer eine Geschichte aus der Bibel ein, die genau das widerspiegelt. Etwa die Geschichte von den zwei Söhnen – und meistens ist es nicht der verlorene Sohn, sondern der andere, der korrekte, der immer alles richtig machen wollte, der am Leben vorbei ist. Diese Leute gibt es im Gefängnis viel mehr als die Verlorenen. Leute, die emotional verhungert sind. Wenn man diese Geschichten erzählt, gibt es oft totale Betroff enheit, weil man sich so stark wiederfi ndet. Dann sind die Predigten sehr wichtig. Ich predige einmal im Monat in fast jedem Gefängnis. Predigt ist für mich ein Geschehen und auch Risiko. Das muss ein Pfarrer aushalten und mit den Menschen reden. Ich weiß ja oft nicht einmal, welche Sprache ich sprechen werde – das kommt ganz darauf an, wer da ist … Danke für das Gespräch! lebensnahen Übersetzung.“


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